Freitag, 26.  Mai 2017

Der, durch die meist dürftig bemessenen Heimmahlzeiten immer hungrige Heimbewohner, war ständig auf der Suche nach Essen. Man befand sich ja schließlich gerade im Wachstum und wollte nicht als kleiner Wicht enden. So war der werktägliche Kantinengang für ihn der kulinarische Höhepunkt des harten Arbeitstages.
In den 50ern war der Mangel an Kalorien besonders groß und man gönnte sich Mittags ordentliche Portionen, so auch in der Kantine für die Flehrl. Bis der Kantinenpächter eines Tages auf die glorreiche Idee kam, auf Kosten der Lehrlinge in kürzester Zeit zum Millionär aufzusteigen. War dies die „soziale Marktwirtschaft“ ?
Die Portionen wurden immer kleiner, aber nur für die Lehrlinge – wenn ein Meister bzw. Ausbilder kam, der natürlich auch nicht  in der Schlange warten musste, so schrie die Thekenmamsell mit lauter Stimme in die Küche: "Ein Essen für Herrn B., D. oder ..." und schon kam ein prall gefüllter Teller zur Ausgabe. Bei den hungrigen Jungs war der Teller deutlich weniger gefüllt. Manch einer der Heimbewohner wurde ab jetzt nicht mehr satt.
Ein findiger Flehrl merkte, dass man die Essensmarke an der Theke für Wurst und Brötchen eintauschen konnte. Auch wenn es keine warme Mahlzeit war, man wurde wenigstens satt davon.
In kürzester Zeit nahm die Anzahl der Essen stark ab und der Pächter beschwerte sich, seine Million in weiter Ferne rückend sehend, beim Lehrherrn. Das Argument: "zu kleine Portionen" konnten die Ausbilder natürlich, ob ihrer immer vollen Teller, nicht nachvollziehen und es bedurfte schon einer sehr großen Überzeugungskraft seitens der Lehrlinge. Man hat sich dahingehend geeinigt, dass der Pächter erst später Millionär wird und die Lehrlinge bremsten ihren Heißhunger.
Ein weiterer Rückfall wurde in den Mittsechzigern bekannt:
Ein äußerst sparsamer Pächter, vermutlich auch die Million vor Augen, hat den "Kartoffelsalat aus dem Eimer" bei Rückgabe des Tellers nicht ordnungsgemäß entsorgt, sondern „versehentlich“ wieder in den Produktionsprozess einfließen lassen. Aufgedeckt wurde der Prozessfehler durch die Lehrlinge des 3.Lehrjahres.
Da in Etappen gegessen wurde haben die früheren Lehrjahre in ihren übrig gebliebenen Kartoffelsalat manchmal Kronkorken oder Zahnstocher versteckt. Bei der Qualitätssicherung ist dem Pächter dann ein Malheur passiert und der Fremdkörper wanderte wieder auf den Teller und wurde von Essern entdeckt.
Nach einem Riesenkrach und Anschiss durch die Leitung hat sich die Qualität des Kartoffelsalates wieder gebessert.

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